Methode

Die verschiedenen situationsangepassten Methoden basieren so gut wie alle auf einer zentralen Methode: Den 4 Schritten.

Sie bilden das Grundgerüst eines authentisch-kraftvollen Selbstausdrucks und des Prozesses des Empathie-Gebens. Sie sind Basis für das Ausdrücken von Dankbarkeit, das gewaltfreie Unterbrechen, die konstruktive Transformation von Ärger, die Wandlung von blockierenden Glaubenssätzen und vielem Anderen.

Doch ist es auf keinen Fall so, dass die Anwendung dieser 4 Schritte sofort “Beziehungsfördernde Kommunikation” wäre. Wenn sie nicht mit der Intention, authentisch zu sein und sich in eine wahrhaftige Verbindung zu geben gefüllt sind, bleiben sie “leer” und “technisch” – eine Methode eben.

“The Four Steps? What are the Four Steps?”
~ Marshall Rosenberg

Dazu eine Metapher: Die Art, wie wir in unserer Erziehung oft lernen, mit Konflikten und Begrenztheiten umzugehen – nämlich mit dem Spielen des “Wer hat Recht”-Spiels, mit Kritik, Abstempeln, Vorwürfen und Bewertungen – ist wie eine ziemlich heruntergekommenes Standklavier. Es ist ziemlich verstimmt, ein paar Tasten funktionieren nicht mehr, der Lack ist fast überall aufgeplatzt und blättert ab, doch ist es durchaus möglich, auf ihm schöne Musik zu spielen. Es wird einem nur nicht wirklich leicht gemacht.

Die 4 Schritte und alle anderen Methoden, wie man sie in der Beziehungsfördernden Kommunikation kennenlernt, sind dagegen wie ein 50.000€-Bösendorfer-Konzertflügel. Er glänzt in wunderbarem Schwarz, hat die raffinierteste Anschlagsdynamik und den lyrischsten, wärmsten Klang. Die meisten Pianisten der Welt würden ihren rechten Arm dafür verkaufen, auf ihm spielen zu dürfen, wenn sie ihn nicht zum Spielen bräuchten. Er lädt einen wirklich nachdrücklich dazu ein, die schönste Musik auf Erden zu spielen. Und er macht es einem wirklich leicht. Aber auch auf einem so kunstvoll hergestellten Instrument kann man langweilige, eintönige und, ja, schreckliche Musik spielen.

Es liegt alles an der Intention – und der Fähigkeit – des Musikanten / der Musikantin.

Wie sehen sie nun also aus, die 4 Schritte?

So:

Schritt 1) Beobachtung statt Interpretation

Schritt 2) Gefühl statt Gedanke

Schritt 3) Bedürfnis statt Strategie/Wunsch

Schritt 4) Konkrete und erfüllbare Bitte statt Forderung oder frommem Wunsch

Um das mit Leben zu füllen ein paar Beispiele.

Wenn ich merke, dass mich etwas nervt, mich etwas anzipft, in Rage bringt, dann würde ich das üblicherweise so ausdrücken:

“Du alter Schlamper, jetzt wasch endlich dein Drecksgeschirr  ab! Das steht jetzt schon Ewigkeiten da rum! Wenn du deine 4 Buchstaben nicht so-fort in die Küche begibst, dann gibt’s aber sowas von Stress, darauf kannst du Gift nehmen!”

Oder ich würde den Ärger still in mich hineinfressen, trotzdem die WG-Küche saubermachen und unbemerkt meinen Groll gegen die andere Person oder meine Opferhaltung – weil die anderen ja schuld und ich so arm dran bin – kultivieren.

Bis dieser Groll irgendwann aufbricht – wenn der “Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt” kommt – oder ich in Depressionen versinke.

Auf jeden Fall würde mein Respekt – dem Anderen oder mir selbst gegenüber – geringer werden. Und das ist beides schlimm.

Denn das alles sind subtile Formen von Gewalt – zumindest so wie “Gewalt” in der Beziehungsfördernden (oder auch “Gewaltfreien”) Kommunikation verstanden wird.

Nach den 4 Schritten könnte ich mich jedoch auch folgendermaßen ausdrücken:

“Hey [name]! Hast du grad 5 Minuten?”

“Hm ja, okay.”

“Fein, danke. Du, ich schau in die Küche und sehe, dass in der Küche 3 Töpfe rumstehen, die auch noch vor 2 Tagen da standen (Beobachtung). Wenn ich das seh merk ich echt ne fette Frustration in mir hochkommen (Gefühl), weil ich mich in unseren gemeinsamen Räumen wohl fühlen möchte (Bedürfnis 1) und weil mir wichtig ist, dass wenn man zusammen wohnt, aufeinander Rücksicht nimmt (Bedürfnis 2). Kannst du mir sagen, was dich daran hindert, die Töpfe direkt nach dem Kochen abzuspülen (Bitte)?”

Wenn ich empathisch zuhöre, konzentriere ich mich nur auf Gefühle und Bedürfnisse (Schritt 2 und Schritt 3).

Wenn ich also auf oben “trotz Anwendung der Methode” die Antwort bekäme:

“Oh mann, jetzt hab dich doch nicht so. Du bist echt voll der Spießer, so ein paar Töpfe in der Küche, die tun doch niemandem was!”

könnte ich, statt mit “Aber, Aber, Aber” und “Du bist einfach so und so” einen Dialog zu erschweren, empathisch vermuten:

“Ähm. Bist du grad genervt (Gefühl), weil du dir da eine gewisse Leichtigkeit wünschst (Bedürfnis)?”

“Ja, voll. Dass man halt nicht so viel Stress macht, genau.”

“Also, dir ist einfach voll wichtig, dass man sich gut versteht (Bedürfnis nach Harmonie), und dass das Zusammenleben leicht und angenehm ist (Bedürfnis nach Leichtigkeit / Flow)?”

“Ja, voll.”

Und wenn ich jetzt meinem Impuls, mich noch einmal selbst auszudrücken nachgebe, fängt der “Kommunikationstanz” so richtig an:

“Ja, das ist mir auch voll wichtig. (Bedürfnis) Und bist du grad bereit, zu hören, was mich im Moment daran hindert, unser Zusammenleben als leicht und angenehm zu empfinden (Bitte)?”

“Puh, äh…”

Und egal ob das Gegenüber jetzt “Ja” oder “Nein” (was nur “Ja zu einem anderen wichtigen Bedürfnis” heißt, dass man auch wieder empathisch herausfinden kann) sagt, man ist jetzt im Dialog statt im Macht- und Ultimatumsspiel und die Wahrscheinlichkeit, dass man dann am Ende eine Lösung findet, zu der alle Beteiligten “Ja” sagen, ist viel höher.

Und natürlich “funktionieren” diese 4 Schritte im Dialog nicht, wenn ich will, dass sie in dem Sinne “funktionieren”, dass ich um jeden Preis das durchbekomme, was ich ursprünglich wollte: die Strategie “Mein Mitbewohner räumt endlich sein Drecksgeschirr weg”.

Dann werde ich nämlich die 4 Schritte als Manipulationstechnik benutzen, und um besonders “nett” zu klingen.

Es “funktioniert” nur, wenn meine Absicht ist, in Verbindung und Dialog zu kommen, und die Qualität der Beziehung zu erhöhen. In dem Bewusstsein, dass es prinzipiell sehr viele Wege gibt, meine Bedürfnisse zu erfüllen.

Und “funktionieren” heißt in diesem Fall dann einfach nur: Es macht wahrscheinlicher, dass meine Bedürfnisse – auf welchem Weg auch immer – erfüllt werden und erhöht somit meine Lebensqualität.

Mehr darüber gibt’s in der Haltung.

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